Zu wenig Rücksicht beim Bauen?

Architekt Stefan Wild macht sich für frühe und bessere Planung stark

Von unserem Chefreporter Markus Kratzer

WWZ-27 06 2014bMontabaur. Für den Architekten Stefan Wild aus Montabaur ist der „Tag der Architektur" eine der „wenigen reizvollen Möglichkeiten, unsere Arbeit zu präsentieren und einem breiteren Publikum vorzustellen". Dies erklärte der Sprecher der Kammergruppe 1 innerhalb der Architektenkammer Rheinland-Pfalz im Interview mit unserer Zeitung. Wild, der in dieser Funktion für die Landkreise Westerwald, Altenkirchen und Rhein-Lahn zuständig ist, macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er sich einen größeren Zuspruch wünscht. „Das Interesse an dieser Veranstaltung ist nach meiner Erfahrung, zumindest für den Bereich der kommunalen und öffentlichen Bauwerke, nur auf einen kleinen Kreis Neugieriger beschränkt", räumt er einerseits ein. Andererseits beobachtet er aber auch, dass die Möglichkeit, ein Architektenhaus von innen zu erleben, häufig von ganzen Familien im Rahmen eines Sonntagsausfluges genutzt wird.

Ausdruck des Zeitgeistes

Für Wild ist Architektur „Ausdruck eines Zeitgeistes und der sozialökonomischen Situation einer Gesellschaft". Hierin sieht er aber auch Probleme. „Gebaut wird, was technisch machbar ist und der propagierten Mode entspricht. Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen, regionale, klimatische und baukulturelle Hintergründe", lautet seine Kritik. Dabei sieht er durchaus in der Region noch „viele gut erhaltene Beispiele von nachhaltig gute Architektur, die auch nach 500 Jahren noch immer funktionieren".

Braucht es das Neubaugebiet?

Der zunehmenden Verödung vieler Ortskerne will Stefan Wild mit einer frühen und besseren städtebaulichen Planung entgegenwirken. „Allerdings muss die Bereitschaft dazu in Bevölkerung und Politik da sein", sieht er hier auch andere in der Pflicht. Für ihn ist es unverständlich, dass Gemeinden an Zukunftswettbewerben teilnehmen, „obwohl der Dorfkern bereits im Aussterben begriffen ist und gleichzeitig für teures Geld am Ortsrand ein Neubaugebiet erschlossen wird". In der Sanierung alter Gebäude sieht Wild ein sehr anspruchsvolles Geschäft, das von einem Architekten auch Kenntnis von historischen Bauweisen verlangt: „Er muss auch schon mal einen Eigentümer vom Rückbau seiner Traumvilla überzeugen können."

Das Wortlaut-Interview mit Stefan Wild lesen Sie unten:


Architekt vermisst Querdenker und Aufmüpfige

Stefan Wild beklagt zu schnellen Wandel beim Bauen

Rheinland-Pfalz. „Gebaut wird, was technisch machbar ist und der propagierten Mode entspricht", kritisiert Architekt Stefan Wild (Montabaur). Der Sprecher der Kammergruppe Altenkirchen/Westerwald/Rhein-Lahn innerhalb der Architektengruppe Rheinland-Pfalz fordert zum „Tag der Architektur" am 28./29. Juni mehr Mut zum Querdenken.

 

20 Jahre „Tag der Architektur" – wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

WWZ-27 06 2014aDer Tag der Architektur ist für uns Architekten eine der wenigen reizvollen Möglichkeiten, unsere Arbeit zu präsentieren und einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Presse erinnert sich an diesem Tag an ihre Mittlerrolle und erwähnt den Namen des Architekten, der das Bauwerk geplant hat und dafür verantwortlich zeichnet. In der Diskussion mit Bauherrn und Architekten erfahren die Besucher mehr über die Wünsche und Ziele, die für die gemeinsame Planung zugrunde gelegt wurden, und auch welche Hindernisse und Erlebnisse mit der Umsetzung des Projektes verknüpft waren. Die Architekten stehen Rede und Antwort und stellen sich der Kritik an dem von ihnen zu verantwortenden Stück Öffentlichkeit. Die Erläuterungen des Planers tragen zum besseren Verständnis des gebauten Ergebnisses bei. Gleichzeitig profitiert der Architekt von den Fragen und der Kritik der Architekturinteressierten in der Rückschau auf das Gebaute, und er erhält viele neue Anregungen für künftige Planungen.

Wie wird ein solcher Tag von der Bevölkerung angenommen, und worin besteht der Schwerpunkt des Interesses?

Das Interesse an dieser Veranstaltung ist nach meiner Erfahrung, zumindest für den Bereich der kommunalen und öffentlichen Bauwerke, nur auf einen kleinen Kreis Neugieriger beschränkt. Architekten zeigen bei dieser Gelegenheit offenes Interesse an der Arbeit ihrer Kollegen. Die Möglichkeit, einmal ein sogenanntes Architektenhaus von innen zu erleben, wird dagegen gern und teilweise mit fast für die Eigentümer nicht mehr zumutbarem Andrang von ganzen Familien im Rahmen eines Sonntagsausflugs genutzt. Künftige Bauherrn sammeln Ideen und Anregungen für den geplanten Bau der eigenen vier Wände und haben die Gelegenheit, mit dem Architekten in Kontakt zu treten.

Potenzielle Bauherren oder Kunstliebhaber – welches Klientel „nutzt" einen solchen Tag?

Natürlich gibt es unter den potenziellen Bauherren auch den ein oder anderen Kunstliebhaber. Auch muss es unser Anspruch bleiben, die Baukunst einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen und ihre Bedeutung für unser aller Wohlbefinden zu erklären. Dazu wäre es wünschenswert, nicht nur Kunstliebhaber und potenzielle Bauherren anzulocken, sondern auch Politiker und Investoren zu erreichen, um sie auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Allerdings treten die beiden Letztgenannten tatsächlich gern zusammen auf, aber auf anderen Veranstaltungen und zu anderen Gelegenheiten. Ich kann mich erinnern, dass bei einer eigenen Veranstaltung zum Tag der Architektur in einer kleinen Kapelle, die auch einige Künstler aus der Region mit ausgestaltet hatten, neben Architekten und Architekturinteressierten auch einige Kunstliebhaber und Freunde der Künstler kamen. Doch der Großteil der Besucher sind tatsächlich potenzielle Bauherren eines Einfamilienhauses. Vielleicht wird sich das in diesem Jahr ändern, denn es nehmen landesweit nur noch ein paar dieser Haustypen teil.

Geschmack ist permanentem Wandel unterworfen – wie nachhaltig „wirksam" kann zeitgemäße Architektur sein?

Tatsächlich ist auch die Architektur Ausdruck eines Zeitgeistes und der sozialökonomischen Situation einer Gesellschaft. Das hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, und leider ist auch beim Bauen ein immer schnellerer Turnus im geschmacklerischen Wandel ablesbar. 50 Jahre alte Baugebiete geben darüber Zeugnis. Gebaut wird, was technisch machbar ist und der propagierten Mode entspricht. Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen, regionale, klimatische und baukulturelle Hintergründe. Von den Alten haben wir wenig gelernt

Dabei gibt es gerade in unserer Region noch viele gut erhaltene Beispiele von nachhaltig guter Architektur, die auch nach 500 Jahren noch immer funktionieren. Das europaweite Über-einen-Kamm-scheren ist da gerade in der Architektur in Sachen Nachhaltigkeit nach meiner Meinung eher kontraproduktiv. Überregulierung hilft uns nicht weiter. Baugesetze und Bauverordnungen müssen mit gesundem Menschenverstand überdacht werden und dürfen uns nicht von Profiteuren vorgeschrieben werden. Querdenken und ruhig mal Aufmüpfigkeit wären hier gefragt. Doch das ist mit viel Aufwand verbunden und wenig profitabel. Schon in der Schule ist „Spinnen" nicht erwünscht. Ein Volk der Dichter und Denker sind wir schon lange nicht mehr. Trotzdem kann verantwortungsvoll und nachhaltig gebaut werden. Wenn Sie unter zeitgemäß dann allerdings modisch verstehen, wird das natürlich schwer. Ein tolles Beispiel dafür ist gerade das „Neue Rathaus" in Montabaur, hier wird auf Abriss spekuliert. Das hat dann aber auch nichts mit guter Architektur zu tun.

Immer mehr ältere Gebäude in Ortskernen sind sanierungsbedürftig – welche Rolle können Architekten hier einnehmen?

Der Verödung unserer Ortskerne können wir nur durch eine frühe und bessere städtebauliche Planung entgegenwirken. Allerdings muss die Bereitschaft dazu in Bevölkerung und Politik da sein. Vielleicht muss es erst chic werden in einem älteren Gebäude und ehemals verkommenen Viertel zu leben, so wie es uns einige große Städte vormachen. Allerdings ist dort der Hintergrund des Wandels ein anderer. In unserem eher ländlich geprägten Raum bewirbt sich eine Gemeinde im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden" um die Goldmedaille, obwohl der Dorfkern bereits im Aussterben begriffen ist, und gleichzeitig wird für teures Geld am Ortsrand ein Neubaugebiet erschlossen. In Kleinstädten werden ganze Straßenzüge historischer Bausubstanz niedergerissen, ohne dass ein schlüssiges Konzept für die Neuordnung vorliegt. Parallel dazu entwickelt man in der „modernen" Vorstadt die Konkurrenz für die eigene Innenstadt und wundert sich, dass nun die Läden im Zentrum leer stehen. Hier fehlt es an der richtigen Beratung – natürlich ein weites Betätigungsfeld für Architekten und Stadtplaner. Die Sanierung alter Gebäude ist ein sehr anspruchsvolles Geschäft und verlangt vom Architekten viel Erfahrung und Kenntnis historischer Bauweisen und -konstruktionen. Er muss auch schon mal einen Eigentümer vom Rückbau seiner Traumvilla überzeugen können und einer Gemeinde erklären, warum ein Abriss von Gebäuden zur Attraktivierung des Ortskerns nötig und richtig ist.

 


Quelle: Westerwälder Zeitung vom Freitag, 27. Juni 2014